| Jochen Läßig
Nach dem Demonstrations-Herbst ´89 saßen im Dezember desselben Jahres
zum ersten Mal Vertreter "Der Partei" (SED) und der Staatsmacht
zusammen mit den Vertretern der Bürgerbe-
wegungen und der im Entstehen begriffenen neuen Parteien an einem Tisch.
Ziel dieser Treffen war es, dem Protest auf der Straße politische
Konsequenzen folgen zu lassen. Auf lokaler Ebene sollte ein Gremium über
den Weg der demokratischen Umgestaltung beraten und Interimsentscheidungen
bis zu demokratischen Wahlen treffen.
Ehe aber die Oppositionsgruppen Neues Forum, SPD und Demokratischer
Aufbruch in Sachge-
spräche eintraten, forderten sie zuerst einmal zumutbare
Arbeitsbedingungen. Bis zu diesem Zeitpunkt existierten diese Gruppen in
sehr schwierigen räumlichen Verhältnissen. Das Neue Forum hatte ein
Abrißhaus in der Dreilindenstraße besetzt, für viele der jungen Leute,
die die Arbeit zu Beginn getragen haben, zwar keine ungewöhnliche
Erfahrung, für die große Bürger-
bewegung, die damals als künftige Regierungspartei gehandelt wurde, aber
doch ungeeignet. Andere Gruppen sammelten sich in Wohnungen, die Leipziger
Gliederung des Vorläufers der Ost-SPD gründete sich in einer Leipziger
Kirche.
Die Forderung nach einem geeigneten Haus für die Opposition wurde von
uns als Ultimatum formuliert: "Wenn ein solches nicht binnen
kürzester Zeit zur Verfügung steht, gibt es keinen Runden Tisch und die
politische Entwicklung dieser Stadt wird weiter der Straße
überlassen."
Nachdem die SED-Führung zu einem ersten Termin noch zu beschwichtigen
versuchte und zuerst einmal in den Sachdialog eintreten wollte, wurde
schon beim zweiten Treffen unsere Forderung erfüllt. Einer der
Sekretäre der SED-Bezirksleitung, Jochen Pommert, schlug das Haus der
SED-Stadtleitung in der Bernhard-Göring-Straße als Sitz der neuen
Bürgerbewegung und Parteien vor. Schon im Januar sollte das Haus
übergeben werden.
Die drei ersten "Hauptmieter" waren das Neue Forum, die SPD
und der Demokratische Aufbruch. Jede dieser Gruppen beanspruchte jeweils
eine ganze Etage mit zahlreichen Räumen für sich. Über die Verteilung
der Stockwerke entschied das Los. Die beiden unteren Etagen wurden neu
gegründeten Vereinen wie ÖKOLÖWE und Behindertenverband, zur Verfügung
gestellt.
Am 2.Januar 1990 wurde das Haus auf dem Grundstück Bernhard-Göring-Straße 152 von Vertre-
tern der SED und der Stadt offiziell an Vertreter der Gruppen übergeben.
Christian Scheibler vom Bürgerkomitee, Erika Bächer und Ines-Maria
Köllner von Demokratie Jetzt nahmen die Schlüssel in Empfang und
unterschrieben das Übergabeprotokoll.
In der Folgezeit entwickelte sich im neuen Haus der Demokratie ein
reges Leben. Auch wenn drei Parteien das Haus übernommen hatten,
beschränkte sich deren Tätigkeit keineswegs auf die reine Parteiarbeit.
Dies hing damit zusammen, dass die - damals zwar juristisch als Parteien
eingestuften - Bürgerbewegungen sich gar nicht als Parteien verstanden
und ein viel breiteres Spektrum gesellschaftlicher Betätigung im Auge
hatten. So gründeten sich etwa aus Arbeits-
gruppen des Neuen Forum heraus neue Schulen, wie Nachbarschaftsschule und
Freie Schule Connewitz, aus einer anderen Gruppe das Umweltinstitut. Der
Forum-Verlag nahm auf der Etage des Neuen Forum seinen Sitz und
veröffentlichte die ersten Wende-Dokumentationen. Das Neue Forum richtete
eine Bibliothek und ein Café ein; das Haus sollte nicht nur Arbeits-,
sondern auch Lebensraum sein. In letzterer Einrichtung kam es gelegentlich
auch zu Übernachtungen, freiwillig und unfreiwillig, weil gerade mal
wieder jemand die Haustür verschlossen hatte, ohne die letzten Besucher
des Hauses zu verweisen.
Das anfangs etwas chaotische Leben im Haus der Demokratie sollte
allerdings bald geordnet-
eren Formen weichen. Nicht zuletzt der ökonomische Druck, der durch die
kostendeckende Verwaltung der Immobilie gegeben war, zwang die erste
Nachwende-Generation des Hauses, enger zusammenzurücken. So wurde Platz
für noch mehr Vereine und einige kommerzielle Nutzer.
Parteien prägen heute die Arbeit des Hauses nicht mehr. Der
Demokratische Aufbau existiert nicht mehr. Die SPD hat ihre
rückübertragene Immobilie in der Rosa-Luxemburg-Straße wieder in Besitz
genommen. Auch Bündnis 90/Die Grünen - aus Neuem Forum, Demokratie
Jetzt, Grüner Partei und Initiative für Frieden und Menschenrechte
entstanden - zogen im Jahr 2000 in die Leipziger Innenstadt.
Heute ist das Haus der Demokratie vorwiegend Sitz von Vereinen, die
nach der Wende entstan-
den sind. Für sie ist das Haus mehr als nur günstiger Büroraum. Die
räumliche Nähe zu anderen Vereinen und Verbänden ermöglicht eine
Zusammenarbeit mit kurzen Wegen. Besucher können sich mit
unterschiedlichen Anliegen an verschiedene Adressen im gleichen Haus
wenden.
Das Haus der Demokratie bleibt seinem ursprünglichen Anliegen treu:
Begegnungs- und Arbeitsstätte für politisch und gesellschaftlich
engagierte Bürger zu sein. Diese Funktion ist heute so nötig wie 1990,
in jener Stadt, die Ausgangspunkt der demokratischen Wende im Osten
Deutschlands war.
|