Rolf Schumann

Geschäftsführer Haus der Demokratie Leipzig e.V.

Das Haus der Demokratie wird 100 Jahre alt? Obwohl der Begriff "Haus der Demokratie" erst 1990 geboren wurde, ist das Gebäude selbst nun 100 Jahre alt. Es wurde in den Jahren 1901 bis 1902 als Städtisches Waisenhaus erbaut und mußte vieles über sich ergehen lassen: Gründerzeit, Inflation, Weimarer Republik, zwei Weltkriege und zwei Diktaturen. All dies überstand das Haus jedoch nicht unbeschadet: der Reichtum einer besonderen Architektur ging leider durch Bombentreffer und durch die nachfolgenden Kriegswirren verloren, der innere Reichtum aber ist durch die Vielfalt der Aktivitäten der Vereine heute - und damit meinen wir die letzten 10 Jahre - größer denn je. Die inhaltliche Aufgabe des Hauses war am Anfang und am Ende des 20. Jahrhunderts  sozial ausgerichtet, wenngleich die Zielgruppen sich deutlich unterscheiden.

Sozial geprägt ist auch der Beginn des 21. Jahrhunderts, doch den meisten Vereinen fällt es zunehmend schwer, ihre Aufgaben umfassend wahrzu-nehmen,  da die Fördergelder zur Finanzierung ihres sozialen Engagements immer knapper bemessen werden. Deshalb ist leider ohne die Hilfe der vielen ehrenamtlichen Mitarbeiter die Existenz der Vereine undenkbar. Damit diese Ihren Sitz im Haus behalten konnten, wurden jahrelange Verhandlungen zwischen der Stadt Leipzig und dem Verein Haus der Demokratie mit dem Abschluß eines Erbpachtvertrages gekrönt.

So bleibt uns nicht nur ein Rückblick auf erfolgreiche Vereinsarbeit und Verdienste im Bereich des Umweltschutzes, der Kultur und des sozialen Engagements, sondern ein Ausblick auf Möglichkeiten, dieses Haus als demokratiekonstituierendes Zentrum auch für die Zukunft zu etablieren. Deshalb rufen wir Sie auf, sich in der Gesellschaft zu engagieren: zeigen Sie Aktion statt Lethargie, Wut statt Resignation, Tatkraft statt Gleichmut. Nur eine intensiv gelebte Demokratie bietet und sichert uns allen und damit den Vereinen die Möglichkeit, sich für Ziele  einzusetzen, die in anderen Gesellschaftsformen keine Chance hätten: Umweltschutz, Integration von behinderten Menschen, Sorge um die Senioren und unsere junge Generation, Solidarität, Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau u.v.m. Damit Basisdemokratie und Mitbestimmung keine leeren Worthülsen bleiben, ist es wichtig, sich im Umgang mit Demokratie zu üben. Ein wichtiger Baustein in diesem Gefüge ist die Arbeit der Vereine.

In "Geschichte(n) unseres Hauses 1901-2001" beginnen wir mit den Ereignissen der letzten zehn Jahre, die uns besonders am Herzen liegen. Dabei stellte es sich heraus, daß dieser Zeitraum am schwierigsten zu recherchieren war, da es nur wenige schriftliche Aussagen gibt und die Erinnerungslücken bei den Interviewpartnern durch die Turbulenzen der jüngsten Vergangenheit schon sehr ausgeprägt waren. So hören wir oft: "Ich kann mich gar nicht mehr so recht erinnern, ja war das so? Es ist so viel passiert, das ging alles so schnell..."

Der Umbruch, der Aufbruch und die Gestaltung der "neuen alten Gesellschaftsform" Demokratie hat viele Menschen aktiviert, hat hier im Haus sehr unterschiedliche Charaktere zusammengeführt. Begriffe wie Montagsdemos, Bürgerrechte, Gewaltteilung, Volksentscheide, Reisefreiheit, Währungsunion, freie Wahlen scheinen - obgleich erst vor elf Jahren in unseren Wortschatz aufgenommen - schon wieder halb vergessen zu sein. Heute plagen uns Begriffe wie Internet, e-Mail, Arbeitslosigkeit, Spendenaffäre..."

Die Freude und Aufbruchstimmung vom Herbst 1989, die so viele Menschen verbunden hat, aber auch Zeiten davor, geraten in Vergessenheit. Gegen dieses Vergessen soll unser Buch "Geschichte(n) eines Hauses 1901 - 2001" helfen.